Studienfahrt des Pfarrkapitels nach Costa Rica

Grußwort von Dekan Rupp
Bildrechte: Thomas Schäfer

Unser Dekanat Aschaffenburg pflegt seit 2002 eine Partnerschaft mit der „ILCO“, der „Iglesia Lutherana Costarricense“, der Lutherischen Kirche Costa Ricas. In Aschaffenburg wurde dazu am Pfingstfest 2002 ein Partnerschaftsabkommen unterschrieben. Nun unternahm das Pfarrkapitel vom 2. bis 10. März 2019 eine Studienfahrt nach Costa Rica. Mehrmals  hatten sich bisher Delegationen gegenseitig besucht. Im Rahmen der Freiwilligeneinsätze für Jugendliche war aus unserer Gemeinde auch vor einigen Jahren eine Jugendliche aus Sommerkahl in der „Casa Abierta“ in einem Armenviertel von San José im Einsatz, gefördert vom Arbeitsbereich „Mission-Eine Welt“ mit Sitz in Neuendettelsau.

Schon länger ging die Idee im Pfarrkapitel um, doch auch eine Studienreise zur Lutherischen Partnerkirche durchzuführen.
Nach drei Jahren Vorplanung und Vorbereitung war es nun 2019 soweit: 15 Vikarinnen und Vikare, Pfarrerinnen und Pfarrer und zum Teil auch deren Partnerinnen und Partner machten sich auf einen langwierigen Flug über Madrid, Panama nach San José, der Hauptstadt Costa Ricas.

Wir feierten einen gemeinsamen Sonntagsgottesdienst im dortigen „Landeskirchenamt“, einem zweistöckigen Gebäude mit dem Sitz der „ILCO“ im Stadtviertel Pasco Ancho von San José. Anschließend gab es dort ein Mittagessen und eine Begegnung der besonderen Art: Der Pfarrer, der für die seelsorgerliche Betreuung der LGBT-Gruppe (die Abkürzung steht für Lesbian/Gay/Bi/Trans-Menschen) und vier seiner Gemeindeglieder berichteten von ihren Schicksalen und ihrem Weg in die „ILCO“ als dem einzigen Ort, an dem sie in ihrer Art, zu leben, anerkannt werden und sich nicht verstecken müssen. „Hier können wir die Bibel lesen, so wie wir sind! Und müssen nicht erst anders oder Andere werden!“ So der Tenor der Betroffenen.

Besucht werden konnte auch das Armenviertel La Carpio. An der Stadtgrenze vor dem Viertel enden alle Buslinien. Die Taxifahrer weigern sich, in die Schotterwege des Viertels zu fahren. Immerhin hat die Stadtverwaltung in eine Grundschule investiert, die  - trutzig wie eine moderne Betonburg – die Hütten der Ärmsten überragt. Dort hat die ILCO schon seit Jahren ihren Stützpunkt im offenen Kinderhaus „Casa Abierta“, einer Kindertagesstätte für bis zu 25 Kinder im Alter von 1 bis 12 Jahren. Ein „Spaziergang“ durch das Viertel brachte uns die Lebensumstände der Menschen dort etwas näher. Dann zeigten uns die Frauen einer Projektgruppe, wie sie sich mit handwerklichen Arbeiten finanziell über Wasser halten können.

Bewegend war auch der Besuch der Deutschen Evangelischen Gemeinde in San Jose mit Pfarrerin Sonja Straub. Noch gut 50 Familien unterstützen und finanzieren dort einen Großteil des Pfarrergehaltes und den Unterhalt der Gebäude. Weitere finanzielle Unterstützung kommt aus der EKD (Evangelischen Kirchen von Deutschland mit der Kollekte für Auslandsarbeit). Bei Kaffee und Kuchen berichteten Kirchenvorsteher und die Gemeindepräsidentin von der Arbeit der Gemeinde und der Situation der Deutschen in Costa Rica. Pfarrerin Straub ist auch für die Betreuung der Deutschen Gemeinden in den mittel- und südamerikanischen Nachbarländern zuständig und deswegen oft mit dem Flugzeug unterwegs. Wo die Sicherheitslage schwierig ist, können evangelische Gottesdienst oder Taufen und Trauungen nur in den jeweiligen Räumen der Deutschen Botschaft gefeiert werden.

Bei einem Abendessen trafen wir wieder verschiedene Hauptamtliche der ILCO und konnten ihre Arbeit noch besser kennen lernen. Pfarrer Julio Melara erzählte von seinem Versuch, über Musik und Lieder die Menschen zu stärken und dem Glauben eine Stimme zu geben. Er hatte Lieder der Kirche gesammelt, übersetzt und selbst komponiert und mit Noten bzw. Gitarrengriffen versehen, damit die Gemeinden ein Liederheft mit ihrem eigenen Liedgut haben. Gerade arbeitet seine Projektgruppe an einem Gesangbuch für die Evangelischen Kirchen in Nicaragua, Costa Rica, El Salvador und Honduras.

Ein Zwischentag diente touristischen Ausflügen zum Vulkan Irazu mit einer Wanderung auf den Gipfel von 3432 m Höhe und der Besichtigung des Botanischen Gartens „Lancester“ mit seiner weltberühmten Orchideensammlung. Ebenfalls an diesem Tag besichtigten wir die alte Hauptstadt Cartago. Sie ist heute ein Zentrum katholischer Volksfrömmigkeit und Pilgerziel. Die alte Basilika war bei einem Erdbeben eingestürzt und nach mehreren vergeblichen Wiederaufbauversuchen und erneuten Einstürzen bei Erdbeben als Ruine belassen worden. Die neue Basilika aus Stein und Holz ist Zentrum der Marienverehrung im Land. Das Stadtmuseum – ein ehemaliges Gefängnis – bietet großflächige Wandmalereien zur Geschichte Costa Ricas.

Ein weiteres Ziel an der Ostküste in der Karibik gelegen war die Gemeinde El Jardin mit einem Kirchenneubau aus Stahlrohrgerüst und Wellblechwänden und -decken. Dort werden Landarbeiter der Ananas- und Bananen- Plantagen in Fragen der Menschenrechte und der Landrechte unterstützt. Vor Ort bekamen wir eine Begegnung mit engagierten Frauen  und ein selbstkreiertes Mittagessen.

Weiter ging es in den Dschungel zu den Indigenas vom Stamme der Bri-Bri. Der Weg führte über Schotterpisten, mit Einbäumen wurde ein Fluss überquert, zum Schluss ging es zu Fuß durch den Urwald. Dieses Projekt wird von einem alten Pfarrer betreut, der sich durch seinen Kampf für Menschenrechte bei den Indigenas sehr viel Vertrauen erworben hatte. Gerade wird das Dach des Versammlungshauses mit neuen, kunstvoll zusammengebundenen Blättern versehen. Die Entwicklungshilfegesellschaft BROT FÜR DIE WELT unterstützt dieses Projekt.

Einige Orte weiter stellten uns Frauen ihr Projekt vor, andere Frauen in der Herstellung von Produkten aus noch verwendbaren Abfällen anzuleiten und ihnen dadurch zu einem gewissen Einkommen zu verhelfen.

Nach einer mehrstündigen Rückfahrt über eine der wenigen Staßen von Cahuita an der Karibik nach San José mit über 1000 Höhenmetern Unterschied blieb dort noch Zeit für das Nationalmuseum und einen Ausklang in der Cafeteria des Nationaltheaters.

Fazit: Eine bewegende und anstrengende Reise zu einer Kirche, die unter ganz anderen Bedingungen jeweils mit den Menschen vor Ort Gottes Liebe und unbedingte Zuwendung zu uns Menschen lebt und auch versucht, die konkreten Lebensbedingungen der Menschen zu verändern.

Geschichte der Dekanatspartnerschaft Aschaffenburg – Costa Rica
(Informationen aus den Dekanatsberichten)

1988 ILCO gegründet, diakonische Kirche, ca. 10 Gemeinde mit 11 Pfarrern in verschiedenen Projekten. Schwerpunkte der Arbeit sind Engagement für Menschen in Armut, Erhalt der Kultur der Ureinwohner und Unterstützung der Landarbeiter.

2002 Dekanatspartnerschaft vom damaligen Dekan Michael Martin unterzeichnet am 26.5./ Pfingstfest 2002

2004 Partnerschaftsvereinbarung zwischen der ILCO und dem Dekanats Aschaffenburg von 2002 mit der Vereinbarung, einen Partnerschaftssonntag, den drittletzten im Kirchenjahr; zu begehen.
Im Juli 2003 Besuch einer 6-köpfigen Delegation aus Costa Rica

2006/7 Miriam Lang aus Sommerkahl arbeitet als Freiwillige ein Jahr in der „Casa Abierta“ mit

2007 Pfingstgottesdienst in CR, Verlängerung der Partnerschaft um 5 Jahre;  2006-2008 BFDW-Projekt  (Brot für die Welt) „futbal por la vida“, sehr erfolgreiche Zusammenarbeit der Nationalmannschaft Costa Ricas mit Menschen aus dem Armenviertel „La Carpio“

2008 Maria Bethel aus „La Carpio“ war ein Jahr in Aschaffenburg und hatte das KABUM-Jugendlager miterlebt.
Pfingsten 2007 und April 2008 waren ebenfalls Delegationen aus Costa Rica in Aschaffenburg.
20 –Jahrfeier der ILCO mit Dekan Gregori und Bischof Melvin Jimenez in San José

2009 Studienreise mit Dekan Gregori mit 17 Menschen aus dem Dekanat nach San José

2010-2018 Immer wieder finden Begegnungen zwischen der ILCO und engagierten aus dem Dekanat statt. Der Vorbereitung der Studienfahrt diente eine Reise der Pfarrer Johannes Oeters und Stefan Meyer mit Dekan Rudi Rupp 2018.

2019
Studienfahrt des Pfarrkapitels nach Costa Rica. Übergabe der Betreuung der Partnerschaftsbegleitung von Pfarrer Stefan Meyer an Pfarrer Johannes Oeters.